Suchtkrankenhelferin

Verborgenes Leben, 28. April 2024

Mein Weg führte mich in die Not durch Abhängigkeiten, in die Not von Süchten und Suchtverhalten und zeigte mir die damit einhergehenden Wesens- und Charakterveränderungen, unter denen das ganze Umfeld der Betroffenen leidet, die zerstörend wirken und in der Überforderung aller enden.

Ich erlebte, wie schwer es ist, Hilfe zu geben, in der es um Konsequenz geht, um Klarheit und um Wahrheit. Eine Wahrheit, die keiner hören wollte. Kein leichtes Kapitel, kein einfaches Unterfangen.

Zur Problematik gehört oft auch das Verhalten der Angehörigen, die versuchen, dem Süchtigen Versprechen abzunehmen, die er nicht halten kann oder mit Regeln, mit Kontrolle zu helfen. Dadurch machen sie sich zum Feind und werden zum Gegner. Der Suchtkranke bekämpft dann jene, die ihm eigentlich helfen wollen. So war es auch in dem Fall, in den ich miteinbezogen wurde.

Die Fronten waren so verhärtet, dass es bereits zu spät war, um helfen zu können. Der Suchtkranke wurde ausfällig, grob und verletzend. In seiner Ohnmacht spielte er sich auf, hantierte in seiner Not und Besessenheit mit Messer und einer Pistole. Seine Ehefrau wollte verständlicherweise aus dieser unheilvollen Beziehung heraus, ja, so schnell wie möglich heraus. Die Ereignisse spitzten sich zu, alles wurde sehr dramatisch und bedrohlich. Einige Male wurde die Polizei geholt. Schließlich erwirkte die Ehefrau ein Hausverbot, keiner vermochte schlichtend zu vermitteln. Der eine Sohn hatte sich ganz auf die Seite der Mutter geschlagen, der andere tendierte aus Mitgefühl eher zu seinem Vater.

Ich, die selbst zum nahen Verwandtschaftskreis des Suchtkranken gehörte, erlebte dieses Spannungsfeld und diese Tragödie hautnah. Ich versuchte, den suchtkranken Mann als kranken Mann zu sehen und ihm irgendwie gerecht zu werden in seiner Not, in die er geraten war, ohne jedoch zwischen der Familie und ihm vermitteln zu können. So half ich mit beim Umzug und Einrichten der kleinen Wohnung, in die er zog, nachdem er das Familiendomizil nicht mehr betreten durfte. Ich schaute immer wieder nach ihm. Er war am Ende seiner Kraft. Was blieb, war eine Armseligkeit, die nur schwer zu ertragen war. Nicht mehr der stattliche Mann, der einst Abteilungsleiter und Chef war, nur noch ein Schatten seiner selbst. Ich hatte ihn nie betrunken gesehen und auch in seiner Wohnung blieb eine Würde, eine Ordnung, die er halten konnte. Das verstand ich nicht und musste mich damit auseinandersetzen, mein Wissen vertiefen. Mein Wunsch war es, besser verstehen zu können, wie es zu einer Sucht kommt und welche körperlichen und seelischen Folgen eine Sucht haben kann. Was sich vor meinen Augen abspielte, tat weh: Ich sah den Zerfall der Familie, und so erwachte in mir der Wunsch, Angehörigen zu helfen, damit diese besser reagieren und vor allem früher reagieren können. Aus diesem Grund begab ich mich 1985 in eine einjährige Ausbildung zur Suchtkrankenhelferin.

Schon früher wurde ich über eine Kollegin vom Turnverein mit der Alkoholsucht konfrontiert. Damals hatte sich ein ganz anderes Erscheinungsbild gezeigt: Dieser Mann konnte nicht aufhören, wenn er trank; es trank einfach weiter, so lange, bis er nicht mehr wusste, was er tat. Seine Frau kam oft mit Spuren von Schlägen in die Turnstunde und wir wussten, er hatte es wieder getan, hatte getrunken und wurde dann zu einem Monster. Er schlug alles kurz und klein, aber vor allem seine Frau. Diese war auch schon mal geflohen, doch ging sie immer wieder zu ihm zurück. Ich konnte das nicht verstehen, ich konnte auch nicht verstehen, dass er völlig trockene Zeiten hatte. Die späten Auswirkungen der Sucht waren jedoch bei beiden Süchtigen gleich: Morgendliches Zittern, aufbrausendes Gemüt, allgemeine Unruhe. Das eine war der Quartalstrinker, der nicht mehr aufhören konnte, das andere der Spiegeltrinker. Keine Art war schlechter oder besser, nur die Form war anders, das Resultat jedoch in beiden Fällen eine Tragödie.

Der Mann mit dem Hausverbot starb nach wenigen Monaten, allein und leider auch einsam in seiner Wohnung an den Folgen der Sucht, die seinen Körper und seine Familie zerstört hatte. Kurz vor seinem Tod rief er mich an, sagte er brauche meine Hilfe: «Es ist Blut, überall Blut.» Da ich keine Möglichkeit hatte, zu ihm zu fahren, rief ich seinen Sohn an. Dieser machte sich unverzüglich auf den Weg, fand seinen Vater im eigenen Blut liegend, er war nach einem Blutsturz gestorben. Als der Sohn bei seinem Vater eingetroffen war, war dieser bereits tot. Die Sucht nimmt dem Menschen die Würde, sie ist nicht nur für den Körper zerstörerisch, nein, sie zerstört Beziehungen, zerstört Achtung, zerstört Vertrauen.

Erneut – wie zu Beginn der Sterbebegleitung – erlebte ich mich als hilflose Helferin und wieder fragte ich Gott um Rat und Weisung.

Wiederum konnte ich vieles nicht verstehen, machte mir Gedanken, Sorgen um seine Seele und fragte mich: Was geschieht mit Menschen, die sich nicht um Glauben, nicht um Entwicklung und Erkenntnis bemühten? Wie kommen sie drüben an? Wie kam der Verstorbene drüben an, in welcher Situation würde er sich einfinden?

Nachdem wir den ganzen Tag mit den Angehörigen verbracht hatten, um ihnen bei dem tragischen Ausgang ihrer Geschichte beizustehen, Trost und Zuversicht zu vermitteln, wollte ich am Abend in Zürich bei einer Übertragung eines Treffens der Glaubensgemeinschaft in Würzburg teilnehmen. Bei diesem Treffen wurden wir überrascht: Unplanmäßig meldete sich Christus in einer Offenbarung; er gab mir auf alles Antwort, was mich beschäftigte. Er sagte, dass es für jede Seele weitergehe, sie dem Licht oder einer Farbe folgen werde und keine vergessen sei, dass jede Seele, die das wolle, Hilfe bekomme, er sagte: «Ich bin der gute Hirte und Ich gehe jedem Meiner Schafe nach.» Ich empfand es als liebevollste Fürsorge und ich wusste, alles, alles ist gut. Ich spürte, wie Ruhe in mich kam, wie Frieden mich erfüllte, wie mir die Sorgen abgenommen wurden. Ich hatte getan, was ich konnte, der Rest lag nicht in meiner Verantwortung. Nur kurz habe ich mich gewundert, dass an jenem Abend eine direkte Offenbarung gegeben wurde, die alle meine Fragen beantwortete.

Das Leid der Familie des Toten und die Feststellung, dass es mir, Maria, nicht möglich war zu vermitteln, machten mich sehr betroffen. In der Familie des Verstorbenen blieb eine Verbitterung zurück. Ich wollte besser verstehen, was mit Menschen geschieht, die in den unheilvollen Kreislauf von Sucht und Abhängigkeit hineingezogen werden, wollte den Betroffenen und Angehörigen besser helfen können.

Der verstorbene Familienvater geisterte noch einige Zeit im Haus herum, immer wieder wurde das Licht im Schlafzimmer angeknipst und die Ehefrau fürchtete sich sehr. «Bitte um Vergebung und vergib! Er will Kontakt mit dir aufnehmen, gehe nicht in die Angst. Gehe in die Vergebung und mache Frieden», so versuchte ich ihr zu helfen. Der Lichterspuk hielt sich relativ lange, ich weiß nicht, ob die Frau vergeben konnte und um Vergebung bat. Was ich jedoch wusste: Wenn etwas nicht gelöst, nicht aufgelöst wird, bleibt eine Bindung bestehen und diese wird sie im nächsten Leben wieder zusammenführen. Saat und Ernte war nicht nur auf ein Leben begrenzt, Schuld ist Karma und bindet. Dieses Wissen hatte ich durch die Neu-Offenbarungen verstanden und es machte und macht Sinn, es gab mir Antwort auf viele meiner Fragen.

VERBORGENES LEBEN

 

«Schreibe für dich den Weg, der bei dir zur direkten Kommunikation geführt hat auf, denn es hilft dir beim Helfen!»