Ein verborgenes Leben

Verborgenes Leben, 2. Dezember 2023
1951

Wir lebten auf einem Bauernhof, der zu einer großen Sägerei gehörte, die Landwirtschaft war in Pacht. Es war ein sehr hügeliges Land mit steilen Hängen und der Vater mühte sich um jeden Meter ab. Die Maul- und Klauenseuche, die in der Gegend ausbrach, verlangte einen Bann, in den auch der Hof unseres Vaters kam. Die anschließende Bang-Krankheit bei den Tieren, nahm die Existenz des Vaters und unserer Familie.

1955, vier Jahre alt

Ohne Tiere, ohne Geld mussten wir umziehen. Der Vater nahm eine Stelle als Schweinehirt an, auf dem benachbarten Hirzel, bei ‹Hirz Joghurt›. Auch die Mutter musste mitarbeiten, arbeitete in der Joghurtproduktion. Ich stand oft vor dem Fenster der Joghurtproduktion, wenn mir die Mutter fehlte, sie gab mir dann zum Trost ein Schoggi-Joghurt und vertröstete mich auf später.

1956

Als ich im Kindergarten war, also mit etwa fünf Jahren, zog ich an der Pfanne und schüttete mir heiße Milch auf den Brust- und Bauchbereich, sodass ich mehre Wochen zuhause bleiben und intensiv vom Arzt betreut werden musste. Ich war in dieser Zeit viel allein, spielte mit Schnecken und baute kleine Häuschen mit Holz, in der Fantasie und dem Glauben, Zwerge lebten zwischen den Wurzeln der Bäume. Im Kindergarten zeichnete und malte ich diese, immer und immer wieder. Bis die Kindergärtnerin mir sagte, ich sollte diese Kindereien lassen und mal was Reales auf Papier bringen. Danach habe ich nicht mehr aus Freude gezeichnet und gemalt, ich habe die kindliche Unbeschwertheit und Freude verloren.

1957

Danach mussten wir wieder umziehen, weil der Hausteil, in dem wir wohnten, verkauft werden sollte. Ich weiß, dass ich dieses Haus nur ungern verließ. Es fiel mir schwer zu gehen, das Haus hatte etwas ganz besonders Heimeliges für mich.

An meine Einschulung kann ich mich nicht mehr erinnern, an meine Lehrerin schon. Diese hat sich mir eingeprägt, weil wir, wenn sie aufgebracht war, das Lied «Fuchs, du hast die Gans gestohlen», singen mussten. Dabei stampfte sie den Takt energisch auf den Boden.

Unser neues Zuhause gehörte zu einem Landwirtschaftsbetrieb mit einer Gaststätte. Dort kam unser kleiner Bruder Sepp auf die Welt. Ich hörte einmal, als meine Mutter sichtbar schwanger war, wie sich der Wirt mit einem Nachbarn darüber lustig machte, dass der alte Mann sich wohl nicht im Zaum hat. Sie lachten über ihn und mir tat mein Vater unendlich leid. Obwohl ich nicht verstand, über was sie sprachen und was sie sagten, wusste ich, dass sie ihm unrecht taten, zutiefst unrecht taten.

In dieser Zeit kam ich zur Erstkommunion. Mit dem weißen Kleid fühlte ich mich sehr besonders. Ich war ehrfürchtig, wirklich ehrfürchtig und fühlte mich erhoben. Doch leider hatte ich auch große Halsschmerzen und Fieber an diesem Tag, so wurde, was Freude sein sollte, zu einer großen Anstrengung.

1960

Zum Ende meiner dritten Klasse, zogen wir nach Rothenburg. Mein Vater wollte wieder selbständig sein, er wollte wieder eine Pacht übernehmen. Wir zogen in ein schönes großes Haus, das gleichzeitig eine Käserei war, in der die Bauern ihre Milch brachten und in der ein bekannter Rahmkäse hergestellt wurde. Drei der vier Käser lebten mit uns im Haus, meine Mutter war für ihre Zimmer, Wäsche und für ihr Essen zuständig. Ich spielte gerne in einem der leeren Zimmer des großen Hauses, tanzte, hüllte mich in Tücher ein und lebte in einer Art Traum. Dass ich dabei von einem der Käser beobachtet wurde, wusste ich nicht. Ich wusste nichts von Männern, ich kannte nur meine Brüder, ich wusste nicht, was zwischen Mann und Frau passiert, ich war gerade erst 10 Jahre alt. Ich wusste auch nicht, warum der Mann wollte, dass ich sein Geschlechtsteil berühre und warum dieses so hart war, ich wusste nichts. Als er mich bedrängte und in mich eindringen wollte, habe ich geweint. Er ließ ab von mir, weil er glaubte, mir weh zu tun. Er tat mir weh, jedoch nicht körperlich, er verletzte meine Würde, meine Scham, er verletzte mich tief in meiner Seele. Danach ging ich ihm aus dem Weg und vermied es in seiner Nähe zu sein. Irgendwie fühlte ich mich schuldig, ohne zu wissen oder zu verstehen für was. Darüber spreche ich jetzt das erste Mal, so direkt.

In Rothenburg wurde ich, zwecks Kirchenbindung, wie mir später erklärt wurde, noch zweimal im weißen Kleid zur Erst- und zur Zweitkommunion geführt, da ich zu den Jahrgängen gehörte, die nun dran waren. Für mich hat sich dieses erhabene Gefühl, das ich beim ersten Mal hatte, jedoch nicht mehr eingestellt.

In der vierten Klasse erhielten wir einen Lehrer, der frisch aus der Ausbildung kam, er ließ uns Theater spielen, gab Situationen vor und wir durften sie spielen. Dieses tat ich gern und es tat mir gut, sehr gut sogar, ich konnte meine schulische Leistung steigern und es bahnten sich auch erste vage Freundschaften an. Zum ersten Mal in meiner Schulzeit fühlte ich mich angekommen, war ein Teil einer Klasse, wie es normal wäre oder normal ist.

Auf dem Schulweg stand das Bürgerhaus, eine Art Altenheim für Mägde und Knechte, diese waren noch so weit ins Tagwerk eingebunden, wie sie es nach ihren Kräften konnten und wollten. Diese friedlichen Bilder haben sich tief in mein Bewusstsein geprägt und begleiten mich bis heute als Ideal von einem erfüllten Leben im Alter, nicht abgestellt und ausgestellt, sondern nützlich und gebraucht, eingebunden, umsorgt in eine kleine Haus- und Lebensgemeinschaft.

Hier wurde auch der Pilatus, an dessen Fuß wir lebten, zu meinem Hausberg, der wie ein Fels in meinem Leben stand, mir Beständigkeit gab und mir damit zur Heimat wurde.

Doch schon bald stand wieder ein Wechsel an. Die Versprechen, die meinem Vater gegeben wurden, wurden in keinster Weise gehalten und zutiefst enttäuscht begann erneut die Suche nach einem geeigneten Objekt, in dem mein Vater seine eigene Pacht übernehmen konnte. Inzwischen war aus dem einstigen Bergbauer, Käser und Landwirt, ein Schweinehirt geworden, der für seine Familie viele persönliche Ideale aufgegeben, ja, geopfert hatte.

1963

So zog die ganze Familie, wir fünf Kinder mit unseren Eltern, in ein Dorf im Kanton Aargau. Im Schulsystem des Kantons Luzern war der Übertritt in die Sekundarschule oder Bezirksschule am Ende der sechsten Klasse, im Kanton Aargau war dieser Wechsel Ende der fünften Klasse. Deshalb hatte ich ein wichtiges Jahr verpasst, das Vorbereitungsjahr für den Übertritt in die Sekundarschule und Bezirksschule hatte ich verpasst. Bei der Aufnahmeprüfung kam ich nicht auf den nötigen Notendurchschnitt, lag knapp darunter und somit kam ich in die Oberschule der sechsten, siebten und achten Klasse.

Auch in diesem Ort hatte ich wieder einen Übergriff, in der benachbarten Schreinerei sollte ich ein Glas abholen. Dort drückte mich ein Italiener an die Wand und drängte sich an mich, versuchte mich zu küssen. Sein Atem, der stark nach Bier roch, seine Bartstoppeln prägten sich tief in mein Unterbewusstsein ein. Mein schwarzer Regenmantel, den ich trug, wurde schmutzig vom Staub, der in einer Schreinerei an den Wänden hängt. Die Abneigung gegen Bier, konnte ich nicht überwinden, sie blieb bis heute in mir geprägt.

VERBORGENES LEBEN

 

«Schreibe für dich den Weg, der bei dir zur direkten Kommunikation geführt hat auf, denn es hilft dir beim Helfen!»