Ich verstand die Muster, in der sich die Gemeinschaftsgetreuen befanden, immer besser. Durch meine ehrlichen Selbstanalysen hatte ich gelernt Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Ich erfasste: Regeln und Vorschriften führten zu Unehrlichkeiten, in denen man überführt werden konnte. Wiederum erkannte ich einen Teufelskreis: Wer die Regeln nicht halten konnte, im Versteckten agierte, wurde früher oder später entdeckt und erpressbar. Wer einmal zum schwarzen Schaf degradiert worden war, hatte wenig Chance zu einem weißen Schaf zu werden. Unheilvoll und unwürdig empfand ich all das, was sich mir zeigte, nämlich dass viel Schuld getragen wurde, wo es gar keine gab, wo es nur Fehler gab, Fehler, die zu jedem Leben und Entwicklungsprozess gehören. Eine große Enttäuschung nahm in mir Platz, eine überaus große Enttäuschung. Doch ich wollte mehr wissen und besser verstehen, ja, durchdringen, was sich zeigte, immer deutlicher zeigte, und was meiner Ansicht nach, nichts mit der Lehre des Jesus, des Christus, zu tun hatte. Waren wir alle Getäuschte? Waren die Enttäuschten in Wirklichkeit Getäuschte? Hatte der Teufel mitten im Werk Platz genommen? Ich stellte mich diesem Wort, das ich nicht gerne aussprach und das ich vermeiden wollte, doch es kam zu mir zurück und stellte sich immer wieder in mir auf.
Ich stellte mich erneut in die Führung Gottes, kämpfte mich zurück an die Hand des Jesus, dem Christus. Ich hatte schrittweise wieder Fuß gefasst und das Vertrauen in Gott zurückgewonnen. Ein Kampf, den keiner sah. Ein Prozess in höchster Anstrengung im Inneren und höchster Anstrengung im Äußeren – ein ganz und gar verborgenes Leben. Dabei hatte ich meine Arbeit immer erfüllen können, hatte keinen Tag gefehlt oder war ausgefallen, obschon meine Kräfte eigentlich für das Pensum, das ich zu bewältigen hatte, nicht reichten. Ich lernte für mich, in meiner eigenen inneren Führung in Jesus, dem Christus, was Seelenprozesse für den Menschen bedeuten, wie überall die Angst dem Vertrauen entgegensteht, wie Menschen immer wieder in Versuchung und in die Täuschung geführt werden.
Was ich an und in mir selbst erkennen konnte, sah ich mehr und mehr in meiner Umgebung, in meinen Nächsten und auch im Werk der Glaubensgemeinschaft. In den Alltäglichkeiten erkannte ich die Abhängigkeiten, in die wir geführt wurden. Erkenntnis und Erstaunen wechselten sich in mir ab. Ich sah die Worte, die Anweisungen und die Führung, die vom Geist gegeben waren und ich sah die Praxis, in der es mehr und mehr um Besitz und Einfluss ging. Das Friedensreich sollte aufgebaut werden, dazu wurden Häuser, Höfe, Felder und Wälder gekauft. Viele, sehr viele kleine und auch große Spenden wurden dafür zur Verfügung gestellt. Auch die der Glaubensgemeinschaft nahestehenden Betriebe mit ihren Mitarbeitern halfen dabei mit. Es ging immer mehr und vorwiegend darum, größer zu werden und zu wachsen. Das Äußere wurde immer größer, imposanter, das Innere geriet mehr und mehr ins Wanken. War das Ziel auf Haben und ins Sein ausgerichtet? Drehten sich alle im Kreis? Der Vergleich zum goldenen Kalb drängte sich mir auf. Ein Mittelpunkt, der glänzt, jedoch nicht mehr die göttlichen Werte vertrat – war das die Wirklichkeit, in der wir uns befanden? War all dies nicht die Umkehr ins dämonische, diabolische Prinzip? Statt Brüderlichkeit und Gleichheit wurden Obrigkeiten, Vorgesetzte und Machtstrukturen eingesetzt. Damit fielen auch die Aspekte, die mir immer sehr wichtig waren, wie das Gemeinwohl, die Gleichheit, Einheit, die Harmonie, das Vertrauen und die Fürsorge.
Ich sah auch jene, die das Prinzip der Selbstlosigkeit ausnutzten und für sich abschöpften und haben wollten, ohne an ihre Nächsten zu denken. Wenn das Wort nicht wahr wird, bleibt es eben nur das Wort.