Eigene Meinung

Verborgenes Leben, 1. April 2025

Aus scheinbar unbedeutenden Begebenheiten lernte ich sehr viel, immer fragend, suchend und ergründend. Einmal wurde im Betrieb darüber debattiert, ob die neu eingekauften Tischtücher schön seien. Ich fand sie nicht wirklich schön, für mich waren sie nicht passend für den Speiseraum und so antwortete ich ehrlich: «Nein, mir gefallen sie nicht.» Im weiteren Verlauf sollte ich überzeugt werden: Die Qualität sei sehr gut, sie waren auch nicht billig gewesen. Ich wurde wiederholt gefragt, warum ich die Tischtücher nicht schön fände. Ich blieb bei meiner Meinung. In der Folge wurden immer noch mehr Mitarbeiter miteinbezogen, es war, als ob es nicht sein dürfte, dass jemandem die Tischtücher nicht gefallen.

Hinter scheinbaren Belanglosigkeiten steckte mehr, darin waren oft Lektionen enthalten, die zu üben und zu bewältigen sind. Ich wollte verstehen, ich wollte lernen und erkennen, was der Sinn in den Situationen war. Ich ergründete so lange, bis ich den Inhalt der Lektionen erfassen konnte. Wenn das der Fall war, gab es dazu das abschließende Beispiel, das für mich prägend war und ich nicht mehr vergaß, welches ich dann oft auch erzählte. Erkenntnis über Erkenntnis reihten sich in mir wie kostbare Perlen, stärkten mein Inneres und begannen sich wie Puzzleteile in mir zusammenzusetzen.

Eines davon war die Situation, in der es um die eigene Meinung, das Beispiel der Tischtücher ging: Ich erkannte dabei, dass schon die eigene Meinungsäußerung als Angriff empfunden wurde und ich fragte mich, warum das so war. Alles ist doch Ansichtssache und über Geschmack und Farben lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Doch wenn vielfältige Sichtweisen nicht mehr zugelassen werden, dann beginnen Prozesse des Gegeneinanders und der Ausgrenzung. Für mich ging es im Leben immer wieder darum, zu mir selbst zu stehen, ohne anderen meine Ansicht aufzuzwingen oder ihnen ihre Sicht abzusprechen oder ausreden zu wollen.

Wie kann in einer Gruppe Vielfalt zugelassen werden? Wie kann in der Vielfalt die Einheit entstehen? Was geschieht, wenn es vorherrschende Meinungen gibt, keine anderen Standpunkte mehr Platz haben oder nur noch geduldet werden? Schlagen sich die meisten womöglich aus Angst oder Bequemlichkeit auf die Seite, wo mehr Anerkennung und Zustimmung zu erwarten sind und verzichten darauf, ehrlich für das einzustehen, wovon sie überzeugt sind?

Das Wort «Abhängigkeit» und das Wort «Sekte» stellten sich nun immer wieder hartnäckig in mein Bewusstsein. Ich erinnerte mich an den Sektenbeauftragten in der Schweiz, der in Zürich in unser Büro kam, um sich zu informieren. Er sprach genau von dem, was ich sah: von Trennungen der Familien, von Abhängigkeiten, in die die Anhänger geführt würden, von unmerklicher Gehirnwäsche. Sollten all jene Recht haben, die der Gemeinschaft das Etikett «Sekte» gaben? Dieses konnte und wollte ich nicht glauben.

VERBORGENES LEBEN

 

«Schreibe für dich den Weg, der bei dir zur direkten Kommunikation geführt hat auf, denn es hilft dir beim Helfen!»